Zusammenfassung
Dieser Beitrag steht für einen grundlegenden Paradigmenwechsel hinsichtlich der noch weit verbreiteten und auf traditionellem Gedankengut basierenden „Doktrin“ vom „richtigen“, dem rückenschonenden Sitzen. Die üblicherweise geforderte, aufrechte, lendenlordosengestützte, mit einem rechtwinkeligen Hüftknick praktizierte Sitzhaltung auf dafür normierten Stühlen kann man zwar einem leblosen Körper zumuten, aber nicht einem auf sensomotorische Inanspruchnahme angewiesenen lebendigen Organismus.
Aufgrund seiner Steinzeit-Gene bekommt dem Menschen das Dauersitzen nicht
Die Spezies Mensch ist nicht für längeres Sitzen geschaffen sondern für die Bewegung (. . . ist mehr als Sport). Das senso-neuro-muskuläre und skelettale System ist seit Jahrmillionen von Jahren auf Gehen, Klettern, Hangeln sowie auf diverse Wechselhaltungen wie Liegen oder Kauern auf dem Boden trainiert. So entstand im Laufe der Jahre ein Rüstzeug, das immer weiter vererbt wurde. Es bürgt für optimale Abläufe im Körper - aber eben nur, solange ein Individuum regelmäßig in Bewegung bleibt. Eigentlich sind die heute arbeitsplatzbezogenen Schmerzsymptome ganz typische physiologische Reaktionen infolge der Tatsache, dass der Mensch sich in einer künstlich geschaffenen Umgebung befindet, für die er eigentlich nicht geschaffen ist.
Leben ist Bewegung. Ein Plädoyer für ein „lebendiges Sitzen“
Wird Haltung, auch die Sitzhaltung, als statische Komponente dem dynamischen Geschehen der Bewegung gegenübergestellt, erfolgt damit eine unzulässige Reduzierung. Haltung und Bewegung sind nicht - wie vielfach missverstanden - Gegensätze im Sinne von Statik und Dynamik, sondern müssen als Einheit betrachtet werden.
Die Körperhaltung ist stets das aktive Produkt einer genau abgestimmten Muskelaktivität (Dietz 1996 in Ludwig, Schmitt 2006). Dabei erfüllt das durch das ZNS koordinierte senso-neuro-muskuläre Funktionsgefüge zwei wesentliche Aufgaben (vgl. Ludwig 2006). Es soll verhindern, dass
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unser Körper umkippt (das externe Gleichgewicht garantieren)
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unsere Körpersegmente, die sehr beweglich aufgebaut sind, in sich zusammensacken (das interne Gleichgewicht aufrechterhalten).
Dieser sensomotorische Vorgang bewirkt, dass wir stets labil um einen Gleichgewichtszustand pendeln, ohne dies eigentlich bewusst wahrzunehmen. Haltung ist also mitnichten ein statischer Zustand und sollte auch nicht in einer statischen Sitzhaltung münden!
Vom Sitzverhalten der Kinder lernen, heiß von der Natur lernen
Führen wir uns hinsichtlich eines „lebendigen Sitzens“ (Bitte nicht mit dem dynamischen Sitzen verwechseln) das natürliche Sitzverhalten der Kinder vor Augen, wenn sie zum Leidwesen vieler Erwachsener auf ihren starren Stühlen „kippeln“. Sie verändern den starren Stuhl in der Weise, dass sie sich unter Nutzung der Stuhlhinter- oder Stuhlvorderbeine in eine dynamische Balance bringen. Somit „befreien“ die Kinder ihr statisch in der Sitzmulde fixiertes Becken und folgen dem natürlichen Bedürfnis ihres heranwachsenden Körpers.

Abb. 1: „von Kindern lernen“
Überträgt man diese natürliche und gesunde körperliche Intelligenz des Kindes in die Mechanik eines Arbeits- oder auch Konferenz-/Seminarstuhls, so hätte dies einen beträchtlichen Nutzen für den in seiner Ganzheit, in seinen körperlichen und geistigen Kräften, geforderten Mitarbeiter.
Die technische Anpassung an den lebendigen Organismus

Abb. 2: „freigestellte“ Negativneigung der Sitzfläche in Abhängigkeit von der Beinstellung
Ein Arbeitsstuhl, der sich den lebendigen Funktionen seines Nutzers anpasst, weist eine auf das individuelle Körpergewicht anpassbare und von der Synchronmechanik losgelöste frei fließende Sitzfläche auf. Diese passt sich dem intuitiven und natürlichen Bewegungsbedürfnis des Körpers an und stabilisiert sich automatisch in den Sitzwinkeln, die der Körper bevorzugt oder die Arbeitsaufgaben erfordern. Dreh- und Angelpunkt für eine physiologische Haltungsbelastung ist die Beckendynamik. Wie die Ergebnisse einer einjährigen Feldstudie (Schön 2009) in sehr eindrucksvoller Weise herausarbeiten konnten, ermöglicht das Prinzip der frei fließenden Sitzfläche ein „individuell lebendiges Sitzen“. Das heißt, Menschen mit ihrem unterschiedlichen, ureigenen motorischen Temperament können ihr individuelles Verhaltensbedürfnis auch in der Diversifikation verschiedenster Sitzverhaltensweisen zum Ausdruck bringen. So gab es Probanden, die bezüglich eines rhythmischen Wechselns von vorderer, mittlerer und hinterer Sitzhaltung ganze 9 Positionswechsel pro Stunde angewendet haben als auch Probanden, die bis zu 38 Positionswechsel (!) in der Stunde wahrgenommen haben. Wie fatal wäre hier eine Ausbremsung des so notwendigen rhythmischen Spiel des Beckens durch einen feststellbaren oder festgestellten Neigungswinkel.
Vom lebendigen Sitzen zum lebendigen Arbeiten
Mobilitätsförderung am Arbeitsplatz geht natürlich weit über das lebendige Sitzen hinaus. Körperliche und geistige Funktionen benötigen ein Umfeld welches zu vielfältigen „Wechselhaltungen“ und Bewegung animieren. Empfohlen wird folgende durchschnittliche Verteilung während eines Büroalltages:
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60% Sitzen (lebendiges Sitzen)
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30% Stehen
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10% Bewegung im Raum
Der bekannteste Haltungswechsel ist der vom Sitzen zum Stehen. Die Vorteile einer stehenden Körperhaltung gegenüber der traditionellen Sitzhaltung sind hinlänglich bekannt. Stehen am Ort ist aber trotz regelmäßiger Standbeinwechsel sehr anstrengend und harte Arbeit für unsere Gelenke und Muskeln. Um eine Überbelastung der Beine zu verhindern und trotzdem die Vorteile einer stehenden Haltung über einen längeren Zeitraum zur erhalten, bieten sich folgende Hilfen an.
Fußstütze
Stellen Sie abwechselnd ein Bein auf eine Fußstütze (ca. 15 cm Höhe)! Dieser „Thekenstand“ optimiert die Gewichtsverteilung im Stehen. Stützen Sie sich dabei mit den Unterarmen auf der Tischplatte ab.
Sitz-, Stehhilfe

Abb. 3: Bewege Deinen Körper und Dein Geist wird Dir folgen
Es sind vor allem solche Sitz-, Stehhilfen zu empfehlen, die Sitzpositionen in verschiedenen Höhen zulassen, die eine ergonomische Vorneigung der Mittelsäule aufweisen in der man ein Teil des Körpergewichts an die Sitz-Steh-Hilfe abgibt und den Rest mit den Beinen trägt und die eine frei fliesende Beckendynamik bei guter progressiver Dämpfung ermöglichen.
Elastische Bodenmatte

Abb. 4: Bewegungsaktivierende Bodengestaltung
Bei stehenden Tätigkeiten erweist sich ein harter Fußboden als nicht so angenehm wie ein weicher. Hier können spezielle elastische Bodenmatten (Spezialschaumstoff) Abhilfe schaffen. Ihre weiche, elastische Struktur vermittelt nicht nur ein angenehmes, wohltuendes Gefühl (Bitte Schuhe ausziehen!) sondern die auf den Matten in die Wege geleitete Fußaktivität trainiert die Beinvenen und fördert die taktil-propriozeptive Leistungsfähigkeit.
Jeder Schritt zählt
Hat ein Mensch vor etwa 100 Jahren an einem Tag so viele Schritte getätigt, dass dadurch im Schnitt eine Strecke von 17 km zum Tragen kam, sind es bei einem Büroangestellten von Heute etwa noch ca. 700 m. Zehn konkreten Tipps für mehr Schritte im Büroalltag:
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Meetings/Konferenzen in Räumen durchführen ohne Stühle dafür Stehpulte
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Besprechungen und Telefonate weitestgehend im Stehen oder dabei Auf- und Abgehen.
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Verzichten Sie auf Aufzüge und Rolltreppen und nehmen stattdessen die Treppe.
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Holen Sie Dinge selbst, statt diese sich mitbringen zu lassen
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Richten Sie es ein, dass Sie zum Kopieren, Ausdrucken und ähnlichen Tätigkeiten ihr Büro verlassen müssen.
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Überlegen Sie sich einen „bewegten“ Weg zur Arbeit (zu Fuß, mit dem Fahrrad, eine U-Bahn / Bus Station früher aussteigen, den Parkplatz für das Auto ca. 10 Minuten vom Arbeitsplatz entfernt wählen.
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Praktizieren sie kurze / längere Spaziergänge in der Pause / zu Hause
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Wenn Sie über etwas Nachdenken müssen, gehen Sie ein paar Schritte. Das hilft!
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Organisieren Sie Ihre Arbeitsabläufe so, dass Wege entstehen, z. B. Verlagerung des Druckers und des Kopierers in einen anderen Raum, Mitarbeiter persönlich aufsuchen, anstatt eine E-Mail zu versenden.
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Führen Sie Besprechungen während eines Spazierganges im Freien durch.
Literatur beim Verfasser:
Dr. Dieter Breithecker
breithecker@haltungbewegung.de
Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V.
Wiesbaden
www.human-design-welten.de
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