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Mut tut gut! Das wichtige Spiel der Kinder mit ihren Grenzen 

March 2010

D. Breithecker, H. Städtler

Der folgende Beitrag hat zum Ziel, auf die Bedeutung „besonders entwicklungsfördernder“ Bewegungsarrangements vor dem Hintergrund veränderter sozial-ökologischer Bedingungen des Aufwachsens von Kindern hinzuweisen. Dabei ist hervorzuheben, dass insbesondere Kinder im Vor- und Grundschulalter eine Phase besonders hochsensibler und kritischer biologischer Ausdifferenzierungsprozesse durchlaufen. Damit diese optimal genutzt und unterstützt werden können, sind sie auf eine Umgebung angewiesen, die sie vielfältig herausfordert und nicht unterfordert.

Kinderalltag heute

Sich viel bewegen, draußen - ohne Aufsicht von Erwachsenen - herumtollen, die eigenen körperlichen Fähigkeiten austesten - das war noch vor 35 Jahren für Kinder eine Selbstverständlichkeit. In der heutigen Zeit hat sich die Lebenssituation von Heranwachsenden im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen entscheidend gewandelt:

  • Kinder finden immer weniger Spiel- und  Bewegungsräume vor, in denen sie ihre Bewegungsbedürfnisse spontan ausleben dürfen,
  • Kinder werden im Zuge organisierter „Events“ durch angeleitete Aktivitäten Erwachsener zunehmend verplant („verplante Kindheit“),
  • Kinder begeben sich immer mehr statisch passiv sitzend in den Einfluss der multimedialen Spiel-  und Informationstechnologie (Erfahrungen aus „zweiter Hand“),
  • Kinder haben immer  weniger Spielpartner, sie spielen häufig allein,
  • Kinder werden durch verunsicherte und in ihrem Erziehungsverhalten zur Überbehütung neigende Erwachsene in ihrem spontanen Spiel- und Bewegungstrieb immer mehr eingeschränkt.

Diese Fakten stehen im deutlichen Widerspruch zu den heute anerkannten Erkenntnissen, dass Kinder auf eine bestimmte Quantität sowie Qualität von Bewegung zur Sicherung ihrer ganzheitlichen Entwicklungsprozesse angewiesen sind. Insbesondere in den ersten 11 Lebensjahren brauchen Kinder vielfältige herausfordernde, wagnisbesetzte nicht normierte Bewegungshandlungen wie klettern, steigen, balancieren, springen, schwingen, schaukeln etc. Bedauerlicherweise neigen aber gerade Erwachsene im Allgemeinen sowie Institutionen wie Kindergärten und Schulen dazu, diese sehr sicherheitskonform zu gestalten und die Bewegungshandlungen der Kinder vorschnell zu reglementieren. Weil Unfälle drohen, soll alles langsam geschehen und übersichtlich bleiben. Die Bewegungsbedürfnisse der Kinder werden unreflektiert an den Verhaltenstypus des Erwachsenen angepasst.

Welche Qualität von Bewegung benötigen Heranwachsende zur Unterstützung ihrer Entwicklung?

Der Leser muss sich nur seiner eigenen Kindheit bewusst sein. Es ist ein von Neugier geleitetes Grundbedürfnis von Kindern sich immer wieder an eine vorerst unberechenbare Herausforderung heranzutasten. Mit dem eigenen Körper in Grenzdimensionen zu experimentieren ist ein besonders herausforderndes Spiel. Auf umgefallenen Baumstämmen bis zum schmalen Ende zu balancieren, dort wo es besonders herausfordernd und „wackelig“ ist für sie genauso reizvoll, wie möglichst weit nach oben in die Baumkrone zu klettern.  

Das angestrebte Wagnis beginnt dort, wo das sicher Beherrschte verlassen wird, um sich in neuen Herausforderungen bestätigen zu können. Dies fordert und fördert in der Phase des Heranwachsens alle physischen, kognitiven und psychischen Fähigkeiten.

Zeitgemäße pädagogische Konzepte sehen in diesen herausfordernden Situationen des „Sich-Bewegens“ den Schlüssel für ein positives Selbstkonzept, gleichzeitig aber auch das spielerische Aneignen wichtiger Kernkompetenzen, die einen positiven Transfer für die „Selbstsicherung“ des Lebens darstellen. „Lern dein Leben selbst in die Hand zu nehmen!“; „Erkenne deine Stärken und bringe sie zu Entfaltung!“; „Habe zu dir selbst Vertrauen!“; „Trage für das was du tust, selbst Verantwortung“.

Die Forderung nach pädagogisch verantwortbaren Wagnis- und Risikosituationen ist Anleitung zum Umgang mit Ängsten und Förderung der Selbstverantwortung. Die Bewegungssicherheit und die damit eng verknüpften psychisch-emotionalen Erfahrungen wie Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit wachsen in dem Maße, in dem Kinder herausfordernde Erlebnisse bestehen. Und nie wieder ist diese Schulung so wichtig wie in den ersten elf Lebensjahren. Es wäre fahrlässig, die hochsensiblen und kritischen Entwicklungsjahre unserer Kinder verstreichen zu lassen, ohne sie angemessen und vielfältig zu fordern.

Erwerb von Selbstsicherungskompetenz am Beispiel Klettern und Balancieren

Am Beispiel der Grundtätigkeiten „Klettern“ und „Balancieren“ an dafür ausgewählten „besonders entwicklungsfördernden“ Gerätearrangements an der Fridtjof-Nansen-Schule in Hannover Vahrenheide wird exemplarisch verdeutlicht, welche Qualitätsansprüche heute an Bewegungsgeräte in Kindergarten, Schule und Verein gestellt werden müssen. Natürlich bedarf es dabei auch an gut geschulten Fachkräften, die die entscheidende Balance der Übersicherung und Untersicherung beschreiten

Klettern „Höhenluft schnuppern“

Klettern gehört zu den klassischen Grundbedürfnissen und steht im Mittelpunkt eines aktiven Lebens von Heranwachsenden. Hier werden wichtige Erfahrungen im Umgang mit dem eigenen Körper, mit dem Partner und mit dem Umgang seiner Risikobereitschaft gemacht. Es kommt zu einer umfassenden Beanspruchung des aktiven und passiven Bewegungssystems, dieses ist für die körperlich-motorische Entwicklung insgesamt, speziell aber auch für ein positives Selbstkonzept und die Selbstsicherungsfähigkeit von Bedeutung.
 

Aber klettern muss herausfordern. Die meisten Angebote für die Freiraumgestaltung erfüllen dies nicht und unterfordern bzw. langweilen Kinder. Das „Stangengestrüpp“ erfüllt den von uns gesetzten Anspruch. Es ist eine Konstruktion mit fünf bis sechs Meter langen Rundholzstäm­men, die scheinbar zufällig, ähnlich wie Mikadostäbe, ihre Lage zueinander gefunden haben. Einige quer verlaufende Stäm­me stabilisieren die senkrecht oder diagonal angeordneten Rundhölzer und bieten darüber hinaus reizvolle Kletterverbindungen zwischen den verschiedenen Ebenen. Zusätzlich ver­bindet eine zirka fünf Meter lange Han­gelstrecke aus Kunststoffseil das Hauptgerüst mit einem separat stehenden Stamm. Im Sturzbereich ist unterschiedlich verdichteter Sand oder Kies in ausreichender Tiefe aufgebracht.


Die Offenheit des Gerätearrangements bietet die Chance, konkret über Versuch und Irrtum zu lernen. Dadurch erfahren die Kinder viel über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen und gewinnen ein immer konkreteres Bild von ihrer Leistungsfähigkeit. Über die im­mer wieder neu geforderte Selbsteinschätzung in grenzwertigen Situationen (klettere ich noch höher, weiter) wird ihre Selbstsicherungsfähigkeit kontinuierlich aus­gebildet. Dies kann nur in Situationen gelingen, in denen die Mög­lichkeiten des Scheiterns und des Gelingens eingeräumt sind. So lernen sie selbstbestimmt und im eigenen Tempo, wie sie sich besser in den Griff bekommen können.
 

Das Gerätearrangement lässt bewusst Schwierigkeiten zu, damit Kinder handelnd mit ihnen umgehen lernen können. So wurde absichtlich darauf verzichtet, alle Stämme im Fallbereich zu entfernen, weil Kinder (analog zum Klettern auf einen Baum) jede Situation auf ihr Risiko hin beurteilen sollen, bevor sie sich zur Handlung entschließen. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder nur durch solche Echtheitssituationen lernen können, sich richtig einzuschätzen und sich selbst zu sichern.


Balancieren. Fordern und fördern in wackeligen Situationen

Das eigene Gleichgewicht in unterschiedlichen Spiel- und Bewegungssituationen erlangen und sich in der Balance halten zu können, es aber auch verlassen und auf höherem Niveau wieder erreichen zu können, spielt im Leben von Kindern eine ebenso bedeutende Rolle wie das klettern. Dabei ist für sie auch hier die Herausforderung dann am größten, wenn die Chancen im Bangen um das Gelingen stehen. 

Ihr natürlicher und gesunder „vestibulär-kinästhetischer Reizhunger“ - das Gleichgewicht und die Tiefensensibilität betreffend - bringt sie immer wieder in Situationen, in denen sie ihre Grenzen ausbalancieren, um ein neues und sicheres Gleichgewicht zu finden. Was sie dazu brauchen ist eine offene, veränderbare Umgebung, die sie immer wieder neu herausfordert.

Gerade die sich in dieser Altersphase organisierende Entwicklung des Gehirns (Synaptogenese) inspiriert den Körper immer wieder zu „schwindelerregenden“ Tätigkeiten. Die dadurch ausgelösten vestibulär-kinästhetischen Stimulationen bewirken eine komplexe Aktivierung der Hirnareale. Wie heute wissenschaftlich belegt ist, werden dabei spezielle Botenstoffe (Hormone) ausgeschüttet, welche die Verschaltung und Erhaltung neuronaler Strukturen gewährleisten und den Nervenstoffwechsel fördern.

Der hier zum Einsatz kommende „Balanciersteig“ ist eine Gerätekonstruktion, die dem pädagogischen Anspruch entspricht, Kindern „Sinn-haltige“ Bewegungsgelegenheiten zur Verfügung zu stellen, in der sie selbstverantwortliche, eigenständige, leibliche, soziale und kognitive Herausforderungen ermöglicht bekommen.

Die Konstruktion ist ein Arrangement von verschiedenen ca. 2-3m langen Balancierbrettern sowie ca. 1m-1,60m  hohen Böcken. Die Böcke haben in der Höhe verschiedene Aussparungen, in welche die Balancierbretter unterschiedlich hoch eingehängt werden können. Die Balancierbretter weisen verschiedene Breiten sowie unterschiedliche Oberflächenbeschaffenheiten (uneben, rau, rutschig, labil, stachelig) auf.

Die „Bauteile“ sind vielseitig kombinierbar, sodass sich dadurch vielfältige spannende und herausfordernde Gestaltungsmöglichkeiten auch in der Kombination mit dem traditionellen Turnhalleninventar ergeben.

Die Offenheit des Gerätearrangements bietet für Kinder die Chance, konkret über Versuch und Erfolg bzw. Misserfolg vielseitige Erfahrungen zu sammeln. Dadurch ist eine Differenzierung der Anforderung nach dem individuellen Leistungsvermögen der Teilnehmer möglich: vorsichtige Kinder können zunächst weiter unten balancieren und die Höhe langsam steigern. Mutige Kinder werden einzelne Balancierbretter höher bauen. Haben sie diese Herausforderung gemeistert, setzen sie die schwierigsten Bretter ganz oben ein.


Kinder lernen auf dem Balanciersteig, Wagnis und Risiko für sich selbst abzuschätzen, sich eigenen Ängsten zu stellen, aber auch Gefahren vorzeitig zu erkennen: ein inneres Selbstsicherungssystem bildet sich heraus.

Das Gefühl „Ich habe es geschafft!“ steigert das Vertrauen in das eigene Tun. Die erfolgreiche Bewältigung einer Situation stärkt die Zuversicht, auch künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein.


Dr. Dieter Breithecker

Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung. e. V.,
Wiesbaden

Hermann Städtler, Schulleiter der Fridtjof-Nansen-Schule, Hannover
Projektleiter: Bewegte Schule in Niedersachsen
www.fns-online.de

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