Startseite Logo

Körperliche und geistige Gesundheit braucht einen „Haltungswechsel“ 

February 2010

Zusammenfassung

Dieser Beitrag steht für einen grundlegenden Paradigmenwechsel hinsichtlich der noch weit verbreiteten und auf traditionellem Gedankengut basierenden „Doktrin“ vom „richtigen“, dem rückenschonenden Sitzen. Die üblicherweise geforderte, aufrechte, lendenlordosengestützte, mit einem rechtwinkeligen Hüftknick praktizierte Sitzhaltung auf dafür normierten Stühlen kann man zwar einem leblosen Körper zumuten, aber nicht einem auf sensomotorische Inanspruchnahme angewiesenen lebendigen Organismus.
 

Und wir fangen früh an, diesen Organismus zu einem solchen Sitzverhalten zu „dressieren“. Bereits den Kindern das (Still-) Sitzen zu lehren ist in den westlichen Ländern ein wichtiges Gebot. Dabei ist genau ihr lebendiges, „zappeliges“ Sitzverhalten das Paradebeispiel eines physiologisch richtigen Sitzverhaltens und sich daraus ableitender Sitzverhältnisse.

Summary

This article is concentrating on the fact that the traditional Paradigm of a “correct sitting posture” is no longer valid. “Picture perfect” posture is in reality a myths and contra productive to the sensomotoric system of a living body. If rigidly followed these static recommendations can be extremely fatiguing. The full force of gravity is carried by the upper body and these results in a body and mind fatigue. The human body is not designed to be static. Numerous scientific studies have shown important interconnections between body, mind and soul. Human live is depending on movement even when we are seated. Physical movement increases oxygen supply and is essential for stimulating cognition. In this way the natural behavior of kids  - Resulting from normal subconscious activities, fidgeting is a natural strategy the brain relies on to assure the physical and mental survival strategy - is fundamental in the design and the function of office chair solutions. The design of the human working space is based on the knowledge that the body is not made to sit still for a long periods of time.

Aufgrund seiner Steinzeit-Gene bekommt dem Menschen das Dauersitzen nicht

Die Spezies Mensch, die immer noch die Gene des Sammlers und Jägers in sich trägt ist nicht für längeres Sitzen geschaffen sondern für die Bewegung. Das senso-neuro-muskuläre und skelettale System ist seit Jahrmillionen von Jahren auf Gehen, Klettern, Hangeln sowie auf diverse Wechselhaltungen wie Liegen oder Kauern auf dem Boden trainiert. So entstand im Laufe der Jahre ein Rüstzeug, das immer weiter vererbt wurde. Es bürgt für optimale Abläufe im Körper - aber eben nur, solange ein Individuum regelmäßig in Bewegung bleibt. Bewegungsmangel sowie Arbeitsplätze mit überwiegend sitzender Tätigkeit sind in unserer Genetik noch ebenso wenig eskomptiert wie einseitige repetitive motorische Abläufe.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den letzen Jahrzehnten Experten und Industrie sich auf eine immer komplexer ausdifferenzierende Rückenlehne und ein daran angeknüpftes Sitzverhalten fokussiert haben (s. o.). Diese Überlegungen weisen zwei entscheidende Fehler auf: Erstens kann man aus dieser hinteren Sitzhaltung heraus nicht vernünftig an einem Tisch arbeiten. Zweitens gehen sie vom Grundgedanken einer statisch-passiv verstandenen Entlastung der Wirbelsäule bzw. des Rückens aus, indem die Rückenlehne die ihre zugedachte Aufgabe einer (Beckenkamm-) Rückenstütze übernimmt.

Abb. 1: Der Mythos vom „richtigen Sitzen“


Eigentlich sind die heute arbeitsplatzbezogenen Schmerzsymptome ganz typische physiologische Reaktionen infolge der Tatsache, dass der Mensch sich in einer künstlich geschaffenen Umgebung befindet, für die er eigentlich nicht geschaffen ist.

Bewegung ist Leben - Leben ist Bewegung. Ein Plädoyer für ein „lebendiges Sitzen“

Wird Haltung, auch die Sitzhaltung, als statische Komponente dem dynamischen Geschehen der Bewegung gegenübergestellt, erfolgt damit eine unzulässige Reduzierung. Haltung und Bewegung sind nicht - wie vielfach missverstanden - Gegensätze im Sinne von Statik und Dynamik, sondern müssen als Einheit betrachtet werden.

Nicht nur die Wirbelsäule hat sich innerhalb von etwa fünf Millionen Jahren zu einer genialen „Architektur und Baukunst“ vervollkommnet, welche wiederum Modell für viele technische Bauwerke gestanden hat. Sie ist ein maximaler Kompromiss von statischer und kinematischer/dynamischer Beanspruchung und ein höchst angepasstes Gebilde für den aufrechten Gang (Reinhardt 2007).

Die Aufrichtung hat auch ein ganz spezielles Sinnessystem entstehen lassen. Dieses ist in der Lage Informationsdaten des Köpers zu lesen und zu verwerten, wie u. a. die Lage unseres Körpers im Raum, die Stellung unserer Gelenke, den Spannungsgrad der Muskulatur. Dieses propriozeptive System ist somit die Basis des für uns als menschliche Wesen speziellen fein abgestuften Zusammenspiels unserer Haltungs- und Bewegungsfunktionen.

So ist die Körperhaltung stets das aktive Produkt einer genau abgestimmten Muskelaktivität (Dietz 1996 in Ludwig, Schmitt 2006). Dabei erfüllt das durch das ZNS koordinierte senso-neuro-muskuläre Funktionsgefüge zwei wesentliche Aufgaben (vgl. Ludwig, Schmitt 2006). Es soll verhindern, dass

  • unser Körper umkippt (das externe Gleichgewicht garantieren)
  • unsere Körpersegmente, die sehr beweglich aufgebaut sind, in sich zusammensacken (das interne Gleichgewicht aufrecht erhalten)

Man spricht in diesem Zusammenhang von neurokybernetischen Prozessen. Abweichungen der Körperhaltung treten permanent auf, weil wir uns - aufrecht stehend bzw. gehend - in einem labilen Gleichgewichtszustand befinden. Eine minimale Änderung des Tonus eines haltungsbeeinflussenden Muskels wird automatisch die Lage des hoch liegenden Körperschwerpunktes ändern und damit auch die sensorischen Informationen der Propriozeptoren (Duysens et al. 2000, Patla et al. 1999 in Ludwig, Schmitt 2006). Die motorischen Zentren im Hirnstamm reagieren darauf direkt mit einem Korrekturprogramm, das aus Tonuserhöhung bzw. Tonusverminderung einzelner Haltemuskeln besteht. Dieses sensomotorische System bewirkt, dass wir stets labil um einen Gleichgewichtszustand pendeln, ohne dies eigentlich bewusst wahrzunehmen.  Es ist auch in der Lage drohendes Ungemach im Körper früh zu erkennen und entsprechend zu handeln. Je mehr Körper- und Bewegungsgefühl ein Mensch besitzt, desto bewusster wird das Spannen und Entspannen der Muskulatur erlebt und desto besser ist er auch in der Lage, seine Körperhaltung zu kontrollieren und gegebenenfalls zu beeinflussen. Haltung ist also mitnichten ein statischer Zustand und sollte auch nicht in einer statischen Sitzhaltung münden.

Vom Sitzverhalten der Kinder lernen, heiß von der Natur lernen.

Führen wir uns hinsichtlich eines daraus abzuleitenden „lebendigen Sitzens“ (ist nicht mit dem „Missbrauchten“ Begriff des dynamischen Sitzens zu verwechseln) das natürliche Sitzverhalten der Kinder vor Augen, wenn sie zum Leidwesen vieler Erwachsener auf ihren starren Stühlen „kippeln“. Sie verändern den starren Stuhl in der Weise, dass sie sich unter Nutzung der Stuhlhinter- oder Stuhlvorderbeine in eine dynamische Balance bringen. Somit „befreien“ die Kinder ihr statisch in der Sitzmulde fixiertes Becken und folgen dem natürlichen Bedürfnis ihres heranwachsenden Körpers.

Abb. 2: „von Kindern lernen“


Überträgt man diese natürliche und gesunde körperliche „Intelligenz“ des in seiner Ganzheit heranwachsenden Kindes in die Mechanik eines Arbeits- oder auch Konferenz-/Seminarstuhls, so hätte dies einen beträchtlichen Nutzen für den in seiner Ganzheit, in seinen körperlichen und geistigen Kräften, geforderten Mitarbeiter.

Die technische Anpassung an den lebendigen Organismus

Ein Arbeitsstuhl, der sich dem lebendigen Verhalten seines Nutzers anpasst, weist eine auf das individuelle Körpergewicht anpassbare und von der Synchronmechanik losgelöste frei fließende Sitzfläche auf. Diese passt sich dem intuitiven und natürlichen Bewegungsbedürfnis des Körpers an und stabilisiert sich automatisch in den Sitzwinkeln, die der Körper bevorzugt oder die Arbeitsaufgaben erfordern. So wird eine vordere Arbeitshaltung durch die Vorwärtsneigung der Sitzfläche ebenso aktiv unterstützt wie eine hintere Ruhehaltung bei einer entsprechenden Körpergewichtsverlagerung nach hinten.

„Unter arbeitsmedizinisch-ergonomischem Aspekt ist gerade das Verhalten eines Sitzes in der vorderen Sitzposition von entscheidender Bedeutung, denn unsere Arbeitshaltung im Berufsalltag ist eben nicht überwiegend die entspannte Relaxposition (Schön 2009).“ Eine Sitzverhaltensanalyse konnte anhand eines speziell entwickelten Aufzeichnungsgerätes sehr eindrucksvoll herausarbeiten, dass unter verschiedenen realistischen (sitzenden) Arbeitsbedingungen und bei entsprechender frei fliesender Sitzneigemechanik die vordere Sitzhaltung eine dominante Rolle einnimmt. Insbesondere trifft dies für Sitzende im Büro- und Seminarbereich zu, welche durchschnittlich die Hälfte ihrer Tätigkeiten - einige davon bis zu 87% - in der freien vorderen Sitzposition (ohne Lehnenkontakt) mit bis zu -12 Neigung verbracht haben. Der Rest der Zeit verteilte sich auf eine mittlere und hintere Sitzhaltung.

Zwar wird eine Negativneigung der Sitzfläche mit mehr als -4° Neigung in Fachkreisen immer noch kontrovers diskutiert, zieht man allerdings die richtungweisende „Feldstudie zum dynamischen Sitzen unter verschiedenen Arbeitsplatzbedingungen“ (Schön 2009, 2000) heran, so ist das Sitzen auf einer solchen, mit einem durchschnittlichen Sitzneigewinkel von -8°, nichts Außergewöhnliches. Mit diesem Sitzwinkel erreicht der Neigungsgrad der Kreuzbeindeckplattentangente mit 34° fast den Wert, wie ihn eine Person im Stehen mit „normaler“ Beckenkippung (41°) und einer harmonischen Schwingung der Wirbelsäule erreicht (Rauber und Kopsch 1987).

Dreh- und Angelpunkt für eine physiologische Haltungsbelastung ist also die Beckendynamik. Wie die Ergebnisse der einjährigen Feldstudie (Schön 2009) in sehr eindrucksvoller Weise herausarbeiten konnten ermöglicht das Prinzip der frei fließenden Sitzfläche ein „individuell lebendiges Sitzen“. Das heißt, Menschen mit ihrem unterschiedlichen, ureigenen motorischen Temperament können ihr individuelles Verhaltensbedürfnis auch in der Diversifikation verschiedenster Sitzverhaltensweisen - bei gleichen beruflichen Tätigkeiten - zum Ausdruck bringen. So gab es Probanden, die bezüglich eines rhythmischen Wechselns von vorderer, mittlerer und hinterer Sitzhaltung (Makrobewegungen) ganze 9 Positionswechsel pro Stunde angewendet haben als auch Probanden, die bis zu 38 Positionswechsel (!) in der Stunde wahrgenommen haben. Dank des speziellen bei der Untersuchung angewendeten Aufzeichnungsgerätes konnten auch die optisch kaum wahrnehmbaren „Zappelphilippe“ herausgefiltert werden, die während einer bestimmten Sitzneigung immer wiederkehrende dorso-ventrale Mikrobewegungen mit ihrem Becken ausführten, die ihnen im Nachhinein nicht bewusst waren. Wie fatal wäre hier eine Ausbremsung des so notwendigen rhythmischen Spiel des Beckens durch einen feststellbaren oder festgestellten Neigungswinkel.

Abb. 3: „freigestellte“ Negativneigung der Sitzfläche in Abhängigkeit von der Beinstellung
 

Der sitzende Mensch sollte in einer Beziehung zu seinem Stuhl stehen können, der sein natürliches und damit lebendiges Verhalten unterstützt und nicht behindert. Stuhl und die natürlich-dynamischen Funktionen des Organismus stellen somit ein System dar. Bei einer frei fließenden Sitzneigemechanik vollzieht sich das natürliche und individuelle Sitzverhalten quasi reflektorisch als sensomotorische Reaktion infolge des beweglichen Sitzes. Wie fatal wäre hier eine Ausbremsung des so notwendigen rhythmischen Spiel des Beckens durch einen feststellbaren oder festgestellten Neigungswinkel.

Dieses lebendige Sitzen gewährleistet weiterhin, dass Füße und Beine unausweichlich in die Bewegung mit einbezogen werden. Alle Organe, insbesondere auch das Gehirn, werden folglich besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Dies konnte in einer aktuellen Studie zur Untersuchung der Oberkörpertemperatur anhand thermografischer Aufnahmen bestätigt werden (Ludwig, Breithecker 2008). Auf der Grundlage der Wirkungskette Bewegung (Zunahme der Muskelaktivität), Zunahme der Muskeldurchblutung, Vertiefung der Atmung, Zunahme der Sauerstoffkonzentration im Blut kommt es auch zu besseren Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistungen (Dordel, Breithecker 2003).

Fazit: Lebendiges Sitzen, eine Referenz an unsere genetisch veranlagten Bewegungsbedürfnisse

Wir können uns nicht nur bewegen, wir müssen uns bewegen. Denn auf eines ist das Erfolgsmodell Homo sapiens gar nicht eingestellt: Bewegungsmangel und stundenlanges Sitzen mit Stilllegung des Beckens auf einer starren Sitzfläche bei gleichzeitiger Verlagerung der sensorischen Informationen zugunsten visueller und zuungunsten propriozeptiver Anteile. Folglich muss die Zauberformel der Prävention lauten: „Abwechslung und Bewegung “. Auch Sitzen muss ein Stück Freiheit zur Bewegung bedeuten, und hier sind insbesondere die Freistellung des Beckens und ein damit einhergehender erweiterter Spielraum für die Beine angesprochen.

Dadurch werden

  • die Wirbelsäulenschwingungen regelmäßig verändert,
  • die Bandscheiben permanent mit Nährstoffen versorgt,
  • die komplexen Rückenmuskeln stimuliert,
  • die über 100 Gelenke an der Wirbelsäule in Bewegung gehalten
  • die inneren Organe dynamisch aktiviert
  • die Blutzirkulation und damit Sauerstoffversorgung optimiert
  • die Hirnstoffwechselprozesse und damit Aufmerksamkeit und Konzentration aufrechterhalten.

Mobilitätsförderung am Arbeitsplatz muss aber weit über das lebendige Sitzen hinausgehen. Biologische Funktionen benötigen komplexe Reize zur Eigenstärkung. Denn nicht Über-, sondern Unterforderung des menschlichen Haltungs- und Bewegungssystems ist Ursache für die typischen Leiden der Sitzberufler. Folglich benötigt er ein Umfeld welches zu vielfältigen „Wechselhaltungen“ und Bewegung animiert. Empfohlen wird folgende durchschnittliche Verteilung während eines Büroalltages:

  • 60% Sitzen (lebendiges Sitzen)
  • 30% Stehen
  • 10% Bewegung im Raum

Abb. 4: geistige Beweglichkeit braucht einen lebenden Organismus. Bewege Deinen Körper und Dein Geist wird Dir folgen.


Literatur:

Dordel, S.; Breithecker, D.  (2003): Bewegte Schule als Chance einer Förderung der Lern- und Leistungsfähigkeit. Haltung und Bewegung 2, 5-15

Ludwig, O., Schmitt, E. (2006): Neurokybernetik der Körperhaltung. Haltung & Bewegung 1, 5 – 14

Ludwig, O.; Breithecker, D. (2008): Untersuchung zur Änderung der Oberkörperdurchblutung während des Sitzens auf Stühlen mit beweglicher Sitzfläche. Haltung und Bewegung 3, 5-12

Reinhardt, B. (2007): Ohne Rückenschmerz bis ins hohe Alter. Knaur Ratgeber Verlag. München

Schön, F. (2009): Feldstudie zum dynamischen Sitzen unter verschiedenen Arbeitsplatzbedingungen. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie 2, 44-55

Rauber, A; Kopsch, F. (1987): Anatomie des Menschen, Band 1: Bewegungsapparat. Thieme. Stuttgart

 

Dr. Dieter Breithecker
Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V.
Wiesbaden

breithecker@haltungundbewegung.de

Zum Seitenanfang

Site Map | Printable View | © 2010 - 2012 BAG