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Der Mensch ist keine starre Maßeinheit 

March 2010

Der Bewegungswissenschaftler und Ergonom Dr. Dieter Breithecker, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V., über richtiges und falsches Sitzen

Herr Dr. Breithecker, Sie wenden sich kritisch gegen die ergonomische „Meßwut“ und propagieren stattdessen einen erweiterten Ansatz ...

Im Mittelpunkt der Ergonomie stehen immer noch anthropometrische Gesichtspunkte, die beispielsweise  bei einem Arbeitsstuhl Sitzhöhe, Sitztiefe, Lendenlordosenhöhe so definieren, dass sie den Körpermaßen von mindestens 90 Perzentil der Menschen entsprechen. Leider gibt es zu den genormten Stühlen nur noch nicht die genormten Menschen. Der Mensch ist keine starre Maßeinheit, die man normieren kann. Deshalb trete ich für eine ganzheitliche Sichtweise des Menschen ein. Es entspricht der anthropologischen Grundannahme, dass der Mensch ein Bewegungswesen ist.

Für Sie ist dabei unser „sechster Sinn“ besonders wichtig ...

Wir verfügen über ein ganz spezielles propriozeptives Sinnessystem (Tiefensensibilität). Dieses ist in der Lage, Informationsdaten des Köpers zu lesen und zu verwerten, wie zum Beispiel die Lage unseres Körpers im Raum, die Stellung unserer Gelenke, den Spannungsgrad der Muskulatur. Dieses proriozeptive System ist somit die Basis des fein abgestuften Zusammenspiels unserer Haltungs- und Bewegungsfunktionen.  Es ist  auch in der Lage, drohendes Ungemach im Körper früh zu erkennen und entsprechend zu handeln. Je mehr Körper- und Bewegungsgefühl ein Mensch besitzt, desto bewusster wird das Spannen und Entspannen der Muskulatur erlebt und desto besser ist er auch in der Lage, seine Körperhaltung – auch im Sitzen - zu kontrollieren und gegebenenfalls zu beeinflussen.

Körperhaltung ist nämlich stets das aktive Produkt einer genau abgestimmten Muskelaktivität. Wir pendeln immer labil um einen Gleichgewichtszustand, ohne dies eigentlich bewusst wahrzunehmen. Haltung ist also kein statischer Zustand und sollte auch nicht in einer statischen Sitzhaltung münden.

Einer Ihrer Lieblingssätze lautet: „Von Kindern lernen heißt von der Natur lernen“ ...

Richtig. Diese etwas pointiert formulierte These beruht auf der Tatsache, dass das Verhalten der Kinder natürlich - also Natur – ist. Ihr von der Natur gegebenes Bewegungsverhalten,  beispielsweise ständig in die Pfütze zu springen, zu matschen, auf Bäume zu klettern oder auf Stühlen zu kippeln, hat nur eine Bestimmung: Kinder organisieren damit den qualitativen Verlauf ihrer organischen Entwicklung.

Das bedeutet konkret?

Das natürliche Sitzverhalten von Kindern sollte uns hinsichtlich der Ausgestaltung physiologischer Sitzverhältnisse inspirieren. Ihr natürliches Körperverhalten - und vor allem das von uns Erwachsenen ständig fehlinterpretierte Sitzverhalten auf starren Stühlen - ist beispielhaft. Diese  gesunde Bewegungsunruhe ist ein absolutes Muss, damit Körper, Geist und Seele sich harmonisch entwickeln können. 

Von diesem Verhalten können und müssen wir Erwachsene lernen. Gerade Menschen, die ihren Beruf vorwiegend im Sitzen ausüben, benötigen auch während ihres sitzenden Alltages analog der kippelnden Kinder regelmäßige rhythmische Be- und Entlastungswechsel. Diese natürlichen körperlichen Aktivitäten sind ein entscheidender Impuls zu mehr Wohlbefinden und Produktivität. Aber versuchen Sie mal als Erwachsener, auf einem Bürostuhl zu kippeln. Zwar bewerben die meisten Hersteller ihre Stühle mit dem Schlagwort „dynamisches Sitzen“, bei einer genaueren Analyse muss man allerdings feststellen, dass eine Bewegung hier nur in den Hüftgelenken stattfindet.  

Das reicht nicht aus?

Auf keinen Fall. Erst durch eine frei fließende und sich automatisch an die natürlichen-dynamischen Mechanismen des Organismus anpassende Sitzfläche findet die notwendige Dynamik in den haltungsphysiologischen Strukturen statt. Aus anthropologisch-ergonomischer Sicht ist daher eine „Free-Float-Mechanik“ unter den Bedingungen eines 8-Stunden-Büroarbeitstages den Arbeitsstühlen mit einfacher Synchronmechanik klar überlegen.

Die durch das Sitzen auf einem Bürodrehstuhl mit Free-Float-Mechanik ermöglichten und inspirierten Sitzhaltungswechsel mit einhergehendem dynamischen Spiel des Beckens und gleichzeitig animierter Fuß- sowie Beindynamik erzeugen neben einer kontinuierlichen Blutversorgung auch eine propriozeptive Stimulation. Die von den Gelenk-, Sehnen- und Muskelrezeptoren ausgehenden Meldungen werden an das Gehirn weitergeleitet. Damit wird nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit sowie die produktive Leistung des Mitarbeiters positiv beeinflusst. 

Ihr Fazit?

Da Bewegungsmangel und sitzende Verhaltensweisen in allen Altersgruppen eher zunehmen, dürfen die anthropologischen Gesetzmäßigkeiten nicht länger durch statisch-passiv ausgerichtete ergonomische Standards blockiert werden. Wir brauchen ergo-dynamische“ Lösungen - Sitzmöbel, die sich dem Bewegungsbedürfnis des Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Und wir brauchen eine Ergonomie, die die Ganzheitlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt rückst und nicht nur seine Körpermaße.
 

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